Design Story

«Eine Schrift oder eine Grafik ist nie völlig neutral, sie ist immer Ausdruck ihrer Zeit.»

Barbara Junod, Kuratorin Grafiksammlung
6. August 2026
Barbara Junod im Archiv der «Swiss Design Collection», Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta

Ob auf Bahnhofsschildern und Plakaten oder in Firmenlogos und digitalen Schlagzeilen: Der Swiss Style begegnet uns täglich. Barbara Junod, Kuratorin der Grafiksammlung des Museum für Gestaltung Zürich, ordnet ein, weshalb Zürich zu einem Zentrum für Grafik und Typografie wurde, wie der Swiss Style die internationale Gestaltung prägte und warum die Faszination für die Helvetica bis heute anhält.

Zürich gilt als internationale Hochburg des Grafikdesigns. Welche historischen, kulturellen oder bildungspolitischen Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich die Stadt zu einem so bedeutenden Zentrum für Typografie und visuelle Kommunikation entwickeln konnte?

Der gute Ruf, den die Grafik und Typografie aus Zürich geniesst, beruht vor allem auf einer soliden Berufsausbildung und gewerblichen Praxis. Schon 1920 wurde an der Kunstgewerbeschule Zürich (heute ZHdK) die Fachklasse für Grafik – eine Tagesschule mit integriertem Schriftunterricht – eingeführt. Es gab jedoch auch die Möglichkeit einer praxisbasierten Berufslehre, die in der Schweiz bis heute besteht. Der Schweizerische Werkbund spielte ebenfalls eine wichtige Rolle, da er die moderne Architektur und das funktionale Design förderte und zur Herausbildung einer modernen Grafik und Typografie beitrug. Diese konnten sich dank der Verschonung von zwei Weltkriegen, der Zuflucht von Pionier:innen der internationalen Avantgarde und der an ihr Erbe anknüpfenden Schweizer Gestalter:innen zum Swiss Style entwickeln, der sich ab den 1960er-Jahren weltweit verbreitete.

Stimmt es, dass die Helvetica und die Univers in Zürich entstanden sind?

Ja und Nein. Der Zürcher Schriftsetzer und Kaufmann Max Miedinger entwickelte die Helvetica, die damals noch «Neue Haas Grotesk» hiess, zusammen mit Eduard Hoffmann, dem Leiter der Haas’schen Schriftgiesserei in Münchenstein bei Basel. Dort kam sie 1957 in wenigen Schriftschnitten für den Handsatz heraus. Im gleichen Jahr brachte die Schriftgiesserei Deberny & Peignot in Paris die von Adrian Frutiger entwickelte Schriftfamilie Univers für den Blei- und Fotosatz auf den Markt. Was die beiden serifenlosen Schriftarten mit Zürich verbindet, ist ihre frühe Konzept- und Formfindung. Sowohl Miedinger wie auch Frutiger besuchten Weiterbildungskurse in Schriftgestaltung an der Kunstgewerbeschule Zürich, wo Walter Käch ab 1940 das Entwerfen serifenloser Schriften lehrte. Frutiger skizzierte hier ein Alphabet, auf das er später für die Univers zurückgriff. Beide, die Univers und die Helvetica, zeigen Merkmale von Kächs Schriftvorlagen: So die horizontalen Bogenabschlüsse, die viereckigen i-Tüpfchen und die optisch ausbalancierten Schriftstärken.

Helvetica – Neue Haas-Grotesk, 1960, Hans Neuburg und Nelly Rudin
Schriftmusterheft Univers, 1963, Atelier Frutiger

Die Helvetica entwickelte sich schnell zu einer der weltweit am häufigsten verwendeten Schriftarten. Was machte sie so perfekt zum Zeitgeist und warum war sie erfolgreicher als die Univers?

Mit ihrem klaren, modernen Stil und dem kompakten, ausgewogenen Schriftbild traf die Helvetica den Nerv Zeit. Der verlangte nach neuen serifenlosen Schriften. Denn die geometrische Futura lag nicht mehr im Trend und die populäre Akzidenz-Grotesk der Berthold AG in Berlin war veraltet. Parallel zur Helvetica und der Univers kamen zwar noch andere Serifenlose auf den Markt, doch die vielseitige Helvetica übertraf sie. Einfach in der Handhabung, erfüllte sie die grundlegenden Anforderungen der Grafiker:innen und Drucker. Ab den 1960er-Jahren prägte sie das Erscheinungsbild internationaler Firmen wie der Lufthansa, der American Airlines und des deutschen Chemiekonzern BASF. Die Reihe setzt sich bis heute fort. Auch die Univers war international erfolgreich: jahrelang war sie die Hausschrift von Fiat, trat für die Olympischen Spiele in München auf und wurde zum Aushängeschild der Deutschen Bank. Doch im Vertrieb kam es zu Verzögerungen und Frutiger schuf neue Schriften wie die Frutiger, die sich in der Signaletik weltweit durchsetzte.

Inwieweit ist die Geschichte der Helvetica und der Univers mit der allgemeinen Entwicklung des Swiss Style im Grafikdesign verbunden?

Sie sind eng verbunden, denn diese Serifenlosen waren in der konstruktiven Gebrauchsgrafik ein zentrales Gestaltungselement. Ihre frühe Verbreitung verdankt die Helvetica den Zürcher Grafikern Josef Müller-Brockmann und Hans Neuburg. Nicht nur setzten sich diese in ihrer internationalen Zeitschrift Neue Grafik 1959 für die Helvetica ein, sondern entwarfen im Auftrag der Haas’schen Schriftgiesserei handliche Satzklebe- und Schriftmusterbücher und benützten die Helvetica später auch selbst. Situativ blieb die Akzidenz Grotesk jedoch ihre Lieblingsschrift. Die Exponenten der Basler Schule hingegen bevorzugten und propagierten die elegante Konkurrenzschrift Univers.

Satzklebebuch, Die neue Haas Grotesk, Atelier Müller-Brockmann, 1960, Haas'sche Schriftgiesserei

«Die unterschiedliche Präferenz der Zürcher und der Basler zeigt sich auch im Grafikdesign: Die Zürcher Grafik war formal streng und rasterbasiert, die Basler Grafik liess auch freie Formen zu. Beide Tendenzen zählen zum Swiss Style.»

Das Museum für Gestaltung verfügt über ein bedeutendes Archiv zum Thema Schweizer Grafikdesign. Welche Materialien zur Helvetica oder zur Schweizer typografischen Tradition sind in der Sammlung des Museums zu finden?

Unsere Sammlung umfasst die erwähnten Helvetica-Satzklebe- und Schriftmusterbücher der Haas’schen Schriftgiesserei sowie zahlreiche Beispiele für den Einsatz der Helvetica auf Plakaten, in Anzeigen, Broschüren sowie auf Tragetaschen und in Signaletikelementen. Bekannt ist das von Müller-Brockmann und Peter Spalinger ab 1978 entwickelte Visuelle Informationssystem der Schweizerischen Bundesbahnen SBB, für das sie eine modifizierte Version der Helvetica verwendeten. Wir besitzen die Handbücher mit den Richtlinien, die Entwürfe der Beschriftungen und Piktogramme sowie eine rote SBB-Stationsleuchttafel mit weissem Doppelpfeil. Eine halbfette Helvetica wird auch im Informationssystem der Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) verwendet, das ab 1976 von Ernst und Ursula Hiestand entwickelt wurde. Beide Informationssysteme sind bis heute in Gebrauch. Das Museum verfügt über die vollständigen Archive dieser Gestalter:innen sowie über die Nachlässe von Schweizer Grafikern wie Hans Neuburg, Nelly Rudin und Wolfgang Weingart und des Schriftdesigners Adrian Frutiger.

SBB CFF FFS – Visuelles Informationssystem in Bahnhöfen und Stationen, 1978-1980, Müller-Brockmann + Co.
Haltestellen – Informationssystem 76 / Gestaltungsrichtlinien, 1979, VBZ Zürich, Atelier Ernst + Ursula Hiestand

Gestalter wie Josef Müller-Brockmann oder Armin Hofmann haben das modernistische Grafikdesign mitgeprägt. Wie wichtig waren diese Persönlichkeiten für die Bildsprache, welche die Helvetica schliesslich repräsentieren sollte?

Die beiden Designer wurden mit ihren Kulturplakaten zu Aushängeschildern des Swiss Style: Müller-Brockmann mit seinen konstruktiv-konkreten, rasterbasierten Plakaten für die Tonhalle Zürich, Armin Hofmann mit seinen abstrakten, zeichenhaften Plakaten in Schwarzweiss für die Kunsthalle und das Stadtheater in Basel. Beide Designer verwendeten in ihrer Grafik serifenlose Schriften, setzten situativ Fotografie ein und schufen spannungsvolle Kompositionen. Zudem waren beide in der Lehre tätig und publizierten Lehrbücher, die weltweit gelesen wurden. Hofmanns Lehrtätigkeit in Basel dauerte allerdings viel länger als die von Müller-Brockmann in Zürich. Dafür bewältigte Müller-Brockmann mit seiner Agentur umfangreiche Aufträge in Corporate Design, Messegestaltung und Signaletik.

Beethoven, 1955, Plakat, Tonhalle Zürich, Josef Müller-Brockmann
Saison 1960/61, 1960, Plakat, Stadttheater Basel, Armin Hofmann

Die Helvetica wird oft als neutral, rational und zeitlos beschrieben. Aber kann eine Schriftart jemals wirklich neutral sein, oder trägt auch die Helvetica eine starke kulturelle Identität in sich?

Eine Schrift oder eine Grafik ist nie völlig neutral, sie ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Das gilt auch für die Helvetica und ihre Anwendungsweise. Dennoch ist diese Schrift, deren Zeichensatz stetig erweitert und an die aktuellen Satztechniken adaptiert wurde, mehr als ein Stil. Sie zeugt von einer rationalen Haltung, die für die Entwicklung komplexer Erscheinungsbilder, von Infografiken, Orientierungssystemen oder User-Interfaces unerlässlich ist. Da die Helvetica im Zug der Digitalisierung zu dominant wurde, kam es zu einer Sättigung. Weniger strenge Schriften wie Meta und Rotis kamen auf den Markt. Im Kulturbereich galt die Helvetica als zu ‘clean’ und charakterlos. Gestalter:innen wie Wolfgang Weingart, Paula Scher, David Carson, Cornel Windlin, Stefan Sagmeister und viele mehr suchten einen persönlichen Ausdruck. Das ging bis zu handgeschriebenen Schriften.

The Diva is Dismissed, 1994, Plakat, The Public Theater, New York, Pentagram Design (Paula Scher)
Kyuss [...], 1995, Plakat, Kulturzentrum Rote Fabrik, Cornel Windlin
2 Nachricht, 1973, Zeitschriftenumschlag, Wolfgang Weingart

In den letzten Jahren hat die Faszination für den Schweizer internationalen typografischen Stil wieder zugenommen. Warum blicken zeitgenössische Gestalter:innen auf diese modernistische Bildsprache zurück?

Sie suchen Strukturen, auf denen sie aufbauen können. Ateliers wie Experimental Jetset aus Amsterdam oder das Studio Norm in Zürich schätzen die Vorzüge des Swiss Style mit seinen klaren Regeln. Auch Designer:innen der nachfolgenden Generation wie das 2022 in Zürich gegründete Atelier Unstated (Leonardo Angelucci, Sabrina Cerea) schliesst sich diesem Trend an. Seine jüngst von uns akquirierten Arbeiten wirken frisch und zeitgemäss. Es ist kein Zufall, dass Unstated oft die Helvetica verwendet. Auch auf dem roten Kehrichtsack für Lugano kommt sie zum Einsatz. Er verkörpert denselben ‘sauberen’ Spirit wie der blaue Zürich-Sack. Ob Kehrichtsack, Tupperware, Outdoor-Kleider (The North Face) oder japanische Dinge (Muji) – die unprätentiöse Helvetica passt.

The Printed Book: A Visual History, 2012, Universiteit van Amsterdam, Experimental Jetset (Marieke Stolk, Danny van den Dungen, Erwin Brinkers)
Per i rifiuti solidi urbani usa il sacco ufficiale – Città di Lugano, 2020, Unstated GmbH (Leonardo Angelucci, Sabrina Cerea)
60 littri, Kehrichtsack, 2020, Città di Lugano, Unstated GmbH

Wie trägt das Museum für Gestaltung Zürich heute dazu bei, das Erbe des Schweizer Grafikdesigns und der Typografie zu bewahren und zu fördern?

Unser Museum erfüllt seinen öffentlichen Auftrag, indem es seine grafischen Bestände fortlaufend ergänzt, diese auch für kommende Generationen bewahrt, sie beforscht, dokumentiert und in Ausstellungen, Publikationen sowie in Workshops vermittelt und seine Sammlungsdatenbank fortlaufend online zugänglich macht. Es ist uns ein Anliegen, auch immaterielle Kulturgüter wie kulturelles Wissen und kreative Prozesse zu bewahren; etwa mittels Oral History-Interviews, in denen Designer:innen über ihre Arbeit sprechen. Seit einigen Jahren sammeln wir auch animierte Plakate sowie digitale Schriften, die anhand analoger Schriftmuster aus unserer Sammlung entwickelt wurden.

«Es ist uns ein Anliegen, auch immaterielle Kulturgüter wie kulturelles Wissen und kreative Prozesse zu bewahren.»

Was macht das Museum für designbegeisterte Besucher:innen zu einem besonders wichtigen Ort, um die Geschichte der Typografie und des Schweizer Grafikdesigns zu verstehen?

Ihnen empfehle ich, unsere zweijährlich aufgefrischte Dauerausstellung Swiss Design Collection im Toni-Areal zu besuchen. In einer spektakulären Inszenierung treffen hier Grafik und Typografie auf Fotografie, Kunstgewerbe und Produktdesign. Thematische Displays in Schauschubladen laden dazu ein, die Originale individuell zu entdecken und diese historisch einzuordnen. Die Displays enthalten grafische und typografische Arbeiten von Josef Müller-Brockmann, Hans Neuburg, Nelly Rudin, Wolfgang Weingart, Hans-Rudolf Lutz und Adrian Frutiger und weiteren Schweizer Gestalter:innen. Wer selbst gestalten möchte, kann dies im integrierten Studio auf eigene Faust oder innerhalb eines Workshops.

Barbara Junod im Archiv der Swiss Design Collection, Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta