Design Story

Wie leben wir heute – und welche Spuren hinterlassen wir dabei auf unserem Planeten? Rund 100 international renommierte Fotograf:innen gehen diesen Fragen in der Ausstellung Civilization – Unser Leben im Fokus nach, die bis zum 19. Juli 2026 im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen ist. Die Zürcher Präsentation ist die zehnte Station der Wanderausstellung Civilization und eine Koproduktion der Foundation for the Exhibition of Photography, des National Museum of Modern and Contemporary Art, Korea, und des Museum für Gestaltung Zürich.
Co-Kuratorin Gianna Rovere hat die Zürcher Ausstellung mitentwickelt und gibt Einblicke in ein Projekt, das unsere globalisierte Gegenwart aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Im Gespräch erzählt sie von kuratorischen Entscheidungen, den Bildern, die sie besonders bewegen, und davon, was Kamele im Schnee mit unserer vernetzten Welt zu tun haben.
Gianna, Civilization ist eine internationale Wanderausstellung. Wie viel gestalterischer und kuratorischer Spielraum bleibt bei einer solchen Übernahme, und wie unterscheidet sich dieser Prozess von einer Ausstellung, die von Anfang an im eigenen Haus entwickelt wird?
Der grösste Unterschied ist, dass man mit einem bereits vorhandenen Konzept und einem bestehenden Werkbestand arbeitet. Der thematische Rahmen sowie die meisten Exponate stehen bereits fest. Daher verbringt man weniger Zeit mit Konzeptarbeit und mehr mit der Adaption von Inhalten, Exponaten und Texten an die räumlichen Gegebenheiten unseres Hauses. Eine schöne Arbeit, da man viel Zeit in das Kuratieren der Bilder investieren kann und auch in die Szenografie und die Dramaturgie. Mich hat vor allem beschäftigt, wie wir die Arbeiten präsentieren, die Besucher:innen an die Themen heranführen und sie durch die verschiedenen Bereiche der Ausstellung leiten. So entsteht ein schöner Fokus auf die Vermittlung und die Präsentation der Inhalte. Gleichzeitig braucht es Zeit, sich vertieft in das Material und die Fragestellungen einzuarbeiten.
«Ich finde es wichtig, sich nicht nur vertieft mit den Themen auseinanderzusetzen, sondern auch eine eigene Haltung und die Haltung des Hauses im Bezug auf die Ausstellung zu finden.»

Wie wird bei so einer Übernahme entschieden, welche Exponate übernommen oder gestrichen werden?
Das Konvolut ist sehr umfassend – und trotz unserer grossen Ausstellungshalle mussten wir gezwungenermassen eine Auswahl treffen und auf einige Werke verzichten.
«Ich habe aber stets darauf geachtet, dass die einzelnen Geschichten auserzählt werden und die unterschiedlichen Perspektiven und Facetten eines Themenbereichs sichtbar bleiben.»
Darunter sind auch Arbeiten, die aus verschiedenen Gründen schon länger nicht mehr gezeigt wurden, weil sie beispielsweise restauriert oder technische Updates gemacht werden mussten. Zum Beispiel bei der ikonischen Arbeit «Excellences and Perfections» (2014) der argentinischen Künstlerin Amalia Ulman.
Wo hattest du die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen?
Die Adaption hat viele Freiheiten erlaubt – sowohl bei der Auswahl der Werke als auch bei deren Zuordnung und Inszenierung innerhalb der einzelnen Kapitel. Zudem konnte ich einige Schweizer Positionen ergänzen und so eine lokale Perspektive dazu kuratieren. Die Ausstellung wird ja bereits zum zehnten Mal gezeigt und unsere Welt hat sich seit der Eröffnung 2018 rasant weiterentwickelt. Es war notwendig, die Ausstellung zu adaptieren und stärker im Hier und Jetzt zu verankern. Das zeigt sich etwa in den Texten: Wir haben andere Fokusse gesetzt, Themen anders gewichtet und mussten einiges an Fact Checking betreiben: Viele der Exponate zeigten noch bis vor Kurzem das Höchste oder das Schnellste; mittlerweile jedoch nur noch das Zweithöchste oder eben Drittschnellste.

Was war dein spezifischer Beitrag gerade in Bezug auf neue Positionen oder Inhalte?
Ich fand es spannend, Positionen einzubauen, die sich mit dem direkten Erleben und dem Alltag unserer Schweizer Besucher:innen befassen: Zum Beispiel die Gentrifizierung in Zürich. Wer hier z. B. eine Wohnung in einem zentralen Kreis sucht, weiss, was ich meine. So habe ich zwei Arbeiten der Zürcher Fotografin Ruth Erdt aus ihrem Langzeitprojekt «K12 Schwamendingen» dazu kuratiert. Erdt wohnt dort seit den 90er Jahren und hat vor über 20 Jahren begonnen, die baulichen und demografischen Veränderungen in Schwamendingen zu dokumentieren.
Eine andere Position ist die fotojournalistische Arbeit von Claudia Schildknecht, die sich mit der Schweizer Landwirtschaft und ihren Herausforderungen und sich verändernden Traditionen auseinandersetzt. Sie hat die Arbeit von Landwirt:innen porträtiert, die neue Strategien eingeschlagen haben, wie zum Beispiel, dass sie Kamele in der Ostschweiz halten und damit neue Einkommenszweige eröffnen – mit touristischen Angeboten wie Kameltracking, aber auch ihre Wolle und Milch verarbeiten. Ich fand es spannend die Frage miteinzubeziehen, was denn traditionelle Schweizer Landwirtschaft überhaupt ist. Und auch, wie sie sich in Zukunft verändern wird: Findet auch ein Kamel auf einem Appenzeller Gurt Platz?
Oder die Fotografie vom Zürcher Kaspar Talmann: Er hat die 12 Kilometer lange Lawinenschutzeinrichtung über dem Dorf St. Antönien fotografiert, die ästhetisch ein krasser Eingriff in die Berglandschaft ist. Er befasst sich mit der Frage, ob man nicht doch lieber das Dorf hätte aufgeben sollen, in dem «nur» circa 70 Einwohner:innen leben und das 90 Gebäude hat – ob man für diese, böse gesagt «paar Menschen» so viel in die Natur eingreift.

Da genau diese Geschichten und Überlegungen hinter den Fotografien spannend und aufschlussreich für unsere Besucher:innen sein können, habe ich für den Digitalen Guide der Ausstellung über 20 Fotograf:innen gebeten, in eigenen Worten über die Entstehung ihrer Arbeiten zu erzählen. Ihre Stimmen und Gesichter werden über diese Ebene in der Ausstellung sichtbar gemacht.
Gab es einen Moment im Prozess, der dir besonders in der Erinnerung geblieben ist?
Es war sehr eindrücklich, als das Bilderkonvolut endlich ankam, und in den riesigen Kisten zwischen den frisch gestrichen blauen Wänden aufs Ausgepacktwerden wartete – ein schönes Gefühl, als es dann da war, sich aber noch verborgen hielt. Um sich an die klimatischen Bedingungen anzupassen, dürfen die Kisten erst nach 24 Stunden geöffnet werden. Man koexistiert dann mit ihnen im Raum und macht die letzten Schliffe, während sie auf ihren Auftritt warten.

Welche Kraft haben Fotografien im gesellschaftlichen Diskurs?
Fotografie ist ein Medium, mit dem wir jeden Tag konfrontiert sind und uns dementsprechend gut auskennen. Wir fotografieren selbst mit dem Handy oder der Kamera, sehen Bilder in jeder Zeitung, im Fernsehen und auf Social Media. Wir sind also jeden Tag einer Bilderflut ausgesetzt, was dazu führt, dass sich viele Menschen mit Fotografie vertraut fühlen.
«Fotografie ist für mich ein besonders demokratisches Medium – zugänglicher als etwa Malerei oder Film. Sie kann Realität dokumentieren, aber auch verschleiern, manipulieren oder künstlerisch interpretieren. Oft lässt sich nicht eindeutig sagen, ob wir eine Inszenierung, eine gestellte Szene oder eine fotojournalistische Aufnahme betrachten.»
Spannend sind auch die vielen Entscheidungen, die in jedes Bild einfliessen: Welche Perspektive oder Blickrichtung wird gewählt? Welches Motiv – warum wurde es genau so angeschnitten? Was für ein Inhalt wird erzählt? Ich finde Fotografien als Standbilder wahnsinnig schön, um grosse Geschichten und Themen zu erzählen.
Wie denkst du jetzt gerade in Zeit von mehr auf mehr aufkommender KI über das Medium Fotografie?
Ich persönlich glaube nicht, dass künstliche Intelligenz zeitgenössische Fotografie ersetzen kann. KI zeigt ja nur das, was sie schon kennt, und kann nie etwas Neues erschaffen. Natürlich ist es witzig, wenn man zum Beispiel ein Bild von sich selbst in 50 Jahren erstellen lässt. Und auch wenn man noch so gut prompten kann, braucht es mehr um spannende Bilder zu erstellen.
Es gibt auch eine Arbeit vom Schweizer Fotografen Tim Rod, die ich dazu kuratiert habe. Sie ist von 2021, also aus einer Zeit bevor bildgenerierende Software so weit verbreitet war, wie heute. Tim Rod hat in seiner Arbeit viele Palmen fotografiert, analog wie digital, und hat dann versucht, die KI so zu trainieren, dass sie den Stamm der Palme verschwinden und die Krone der Palme als schwebende Sonne zurücklässt. Er hat mir erzählt, dass sich die KI fest dagegen gewehrt hat, da es eben so viele Palmenbilder im Internet gibt, und alle diese Palmen nun mal einen Stamm haben, und dass sie einige Tricks ausprobieren mussten, damit sie den Stamm endlich loslässt.

Welche Fragen möchtest du mit der Ausstellung im Publikum auslösen oder was sollen sie bildlich gesprochen idealerweise mitnehmen?
Schön fände ich, wenn die Ausstellung zum Weiterdenken anregt – oder sogar zum Umdenken. Dass die Besucher:innen mit kritischem, aber auch neugierigem Blick auf unsere Welt schauen und sich überlegen, wie sie in Zukunft aussehen soll. Nicht zufällig endet sie mit der Frage, was als Nächstes kommt. Das letzte Kapitel zeigt auf, welche absurden Dinge wir aktuell versuchen, um zum Beispiel Natur zurück in die Städte zurückzubringen, die Suche nach ausserirdischem Leben in Kontakt zu treten – oder gar selber unsterblich zu werden.
Warum würdest du den Besuch der Ausstellung unbedingt empfehlen?
Die versammelten Fotografien sind in ihrem Format, ihrer Technik und ihren Motiven sehr eindrücklich, auch zu sehen, wie sehr sich unsere Welt in nur 30 Jahren verändert hat. Wer also gerne in Bildwelten eintaucht und sich berühren lässt, ist in der richtigen Ausstellung. Zu sehen ist auch, wie wir unsere Welt gestalten und gleichzeitig verunstalten, und was es heisst, Teil einer Globalisierung zu sein, einer Zivilisation, die sich sehr stark durch Bewegung zusammenhält – über das Fliessen von Ressourcen, von Menschen, von Energie, von Technik, von Wissen.
Was ist dein ganz persönliches Highlight?
Ich habe natürlich ganz viele Highlights. Besonders toll finde ich es, wenn sich sich verschiedene Arbeiten ergänzen: Zum Beispiel die kleinteilige Fotografie einer Hochhausfassade von Michael Wolf im Vergleich zur Aufnahme von Benny Lam, der eine Hongkonger Familie porträtiert hat, die sich auf unter fünf Quadratmetern organisiert hat. Diese Makro- und Mikroaufnahme ergänzen sich eindrücklich und beleuchten das Thema Wohnen aus zwei Perspektiven. Eine andere Arbeit ist «TVs from Craigslist» von Penelope Umbrico: Die amerikanische Fotografin hat in den 00er Jahren Bilder von Fernsehern auf Craigslist heruntergeladen und die Screens ausgeschnitten. Durch diese Fokussierung bemerken wir als Betrachter:innen, dass wir durch die Reflektion Einblicke in die privaten Räumlichkeiten dieser Verkäufer:innen bekommen, die doch nur ihren alten Fernseher loswerden wollen. Umso besser die Handys wurden, umso mehr geben die Bilder preis.

Eines meiner absoluten Highlights ist von der deutschen Fotografin Candida Höfer: Die Fotografie zeigt die Barockbibliothek vom Augustiner Chorherrenstift von St. Florian. Sie umfasst rund 160.000 Werke und ist für mich ein Sinnbild für das kollektiv gesammelte Wissen der Menschheit in allen Bereichen, die unser Leben heute prägen: Kultur, Gesellschaft, Philosophie, Mathematik, Kunst. Auf all diesem Wissen beruht das, was wir heute Zivilisation nennen.

Gianna, wenn du eines unserer Sammlungsobjekte wärst, welches wäre das?
Je nach Stimmung wäre ich gerne unterschiedliche Sammlungsobjekte. Aber ich denke, der 5-Minuten-Stuhl von Susi + Ueli Berger repräsentiert mich gut. Der Stuhl wurde spontan wegen zu wenigen Sitzgelegenheiten an einem Gartenfest aus Hasendraht innerhalb von fünf Minuten hergestellt. Er passt zu mir, da ich es liebe, mit vorhandenen Mitteln und Materialien kreativ Probleme zu lösen. Vielleicht auch, weil ich feinmaschig und vielschichtig, etwas stur, aber auch flexibel bin. Ich mag das unperfekte, fluide und die Momente, wo scheinbar unwichtiges wertvoll wird.

