Design Story

Für das Museum für Gestaltung Zürich öffnet die Schuhdesignerin Stefi Talman ihr Zuhause und ihr neues Atelier im Zürcher Niederdorf. Die gelernte Schuhmacherin machte sich in den 1980er-Jahren mit ihrer Lederbottine ZIP als Designerin einen Namen und zählt bis heute zu den prägenden Köpfen des Schweizer Schuhdesigns. Mehr als einhundert Paar ihrer einzigartigen Entwürfe gehören zur Sammlung des Museums.
Über Klinkerböden und hölzerne Treppen steigen wir bis zum obersten Stockwerk, wo die Tür schon offensteht. «Lasst die Schuhe an!», begrüsst uns die Schuhdesignerin Stefi Talman. Sie selbst trägt fellig-grüne Hausschuhe mit dem Namen NAP. Wir sind unanständig pünktlich; die Glocken der naheliegenden Predigerkirche und des Grossmünsters läuten noch. «Kein Problem, bin ich auch», winkt sie ab und wirft einen genauen Blick auf unsere Schuhe.
Das Schuhkästchen, hübsch aber gar klein, steht direkt vis-à-vis der Wohnungstür. Es ist eine chinesische Antiquität mit zwei Türchen und Messingbeschlägen. Der Stabriegel fehlt. «Jesses, da sind doch nicht alle Schuhe drin», ruft Talman aus. Besitzen tue sie tausende – die noch unverkauften in ihrem Laden an der Oberdorfstrasse natürlich mitgezählt, fügt sie verschmitzt hinzu. «Schuhe Schuhe», wie sie sagt, besitze sie bis auf zwei Converse tatsächlich nur von ihrer eigenen Marke. Sie sind überall in der Wohnung verteilt, stehen fein säuberlich aufgestellt auf dem Boden oder sind in Schränken und Schubladen, auf Regalen und im Keller zu Hause; weil sie jeweils eine saisonale Rochade mache. Die Schuhe ihres Mannes sind draussen im einzeiligen schwarzen Kippschrank aus Metall: «Seine Füsse sind ja auch grösser.»

Stefi Talman führt uns aus dem schmalen Gang eine Stufe hinab in den langen, hellen Raum mit üppigem Stuck an der Decke. Hier entsteht gerade ihr neues Atelier. Es werde sich zeigen, wie gut sie in Zukunft Wohnen und Arbeiten trennen kann. Auf dem Arbeitstisch stehen frische Blumen neben Schneidmatte, Geodreieck, Schere und Skizzenpapier. An der Wand hängen Materialproben: Netz und geprägtes Leder für die neue Kollektion, aber auch das ikonische Kalbsfell in schwarz-weiss mit den Punkten; oder der aufgespannte Hühnerfuss. Erstmals kam dieser bei der Sandale ASWAD von 1983 zum Einsatz und wird in der neuen Kollektion unter dem Namen CAI – Thai für «Huhn» – wiederaufgelegt. «Es ist nicht einfach, Hühnerfussleder zu bekommen. Zum Glück hatte ich noch einen alten Kontakt zu einem Lieferanten. Es wird gleich wie Echsenleder gegerbt und normalerweise für Uhrenbänder verwendet.» Sie denkt darüber nach, für 80 Paar Schuhe zu bestellen. Ist sich aber noch nicht ganz sicher.

«Es ist nicht einfach, Hühnerfussleder zu bekommen. Zum Glück hatte ich noch einen alten Kontakt zu einem Lieferanten. Es wird gleich wie Echsenleder gegerbt und normalerweise für Uhrenbänder verwendet.»

Unter der Pinnwand stehen eine Auswahl aus Schuhen, Taschen und Handschuhen auf der Linoleumoberfläche einer Holzkommode, die erst gestern aus der Restauration angekommen ist: «Sie gehörte meiner Grossmutter und war Wickeltisch für verschiedene Kinder meiner Familie. Der Mann meiner Grosstante hat sie vermutlich designt», sie öffnet die noch leere Schublade, «sie ist vom Werkbund.» Wir gehen in den angrenzenden Raum mit dem Gästebett, der das Büro werden wird. Stefi Talman nimmt eine Schwarz-Weiss Fotografie in die Hand und zeigt uns ihre Grossmutter, die sich an genau der Holzkommode abstützt, «steht und sinnt». Eine Zeitreise im Foto: Ein Möbelstück, das schon vieles war und nochmals alles werden kann. Wahrscheinlich ein Ort für hässliche Sachen, die sie versorgt haben will.
Einen Stefi-Talman-Schuh erkennt man schon von weitem: Die chinesisch-schweizerische Designerin ist für ihre eigenwilligen Modelle und lauten Farb- und Materialkombinationen bekannt. In der aktuellen Kollektion ist zum Beispiel MOT, ein Ankleboot aus krausem Schafsfell. Sie schlüpft in die kleine Nische hinter dem Bücherregal, wo ihr offener Kleiderschrank ist, kommt mit einem Paar ledernen Ballerina wieder hervor und setzt sich auf den Sessel, um hineinzuschlüpfen. «Die sind einfach wunderbar – ich habe sie letztens wieder gefunden. Aber leider sind meine Füsse mittlerweile von 36 in Richtung 37.5 gewachsen. Die Ohren, Nasen und Füsse werden ja im Alter grösser, während Augen und Lippen kleiner werden. Zum Sitzen gehen sie noch, Laufen unmöglich!» Talman findet, dass es in einer guten Kollektion flache und hohe Schuhe braucht. Am besten verkaufen sich ihre 35er, Schuhe mit 3.5 Zentimeter Absatz. Dabei sei es gar nicht so einfach, einen nicht ganz hohen Schuh zu machen, der elegant ist. «Bei Stilettos ist das keine Kunst», lacht sie rau, «ein solch hoher Absatz allein formt schon ein erotisches Objekt.» Sie orientiert sich nicht nach schnelllebigen Trends und folgt stets ihrer eigenen Linie. Mit dieser Strategie ist sie oft im Abseits, aber nicht allein, sondern mit ihren Stammkund:innen. Und immer wieder trifft sie genau eine Farbe oder Form, die angesagt ist – und gewinnt dadurch weitere Fans.


Beim Designen habe sie natürlich nicht nur sich im Kopf, und macht auch Schuhe, dir ihr selbst nicht stehen. Stefi Talman entwirft für unabhängige und selbstbestimmte Frauen, «und letztens bei einem breiten Pump für Daisy Duck.» Sie schaut auf sich runter und ruft aus: «Oh, das ist aber keine schöne Farbkombi!», und meint das grüne Merinojäggli von rue blanche auf dem hellgelben Polster des Sessels. Dazu trägt sie eine silbrige Hose von Nom Commun der Lausanner Designerin Mélisande Grivet. Die passende Jacke hängt im Schrank. Sie steht auf und wir folgen ihr zurück in den Gang, am Badezimmer mit den bunt gestreiften Textilien von Sonnhild Kestler vorbei, ins geräumige Wohnzimmer mit anschliessender Küche. Alles ist sorgfältig eingerichtet und aufgeräumt, ohne an Wohnlichkeit zu verlieren. Frische Blumensträusse, Textilien und eine giftgrüne Wasserkaraffe setzen Farbakzente.
Bevor Stefi Talman eine Ausbildung zur Schuhmacherin abschloss, hat sie eine Lehre als Grafikerin angefangen. Die Arbeit und der Lehrmeister lagen ihr nicht. Eines Morgens bewarf er sie mit einem Playboyheftli – worauf Talman auf ihrem hohen Absatz kehrt machte und die Tür für immer hinter sich zuzog. Gut so, denn Anfang der 80er-Jahre wurde die 22-Jährige mit einer flachen Lederbottine als Schuhdesignerin über die Schweiz hinaus bekannt: Beim Modell ZIP führt der Reissverschluss prominent vom grossen Zeh quer über den Rist auf die andere Seite. Ein schneller und wendiger Schuh, der von Patrick Frey 1985 in der Zeitung Der Alltag als «zwischengeschlechtliches Schuhzeugs zwischen Ballett und Schlafzimmer» bezeichnet wurde. Er ist aber um einiges mehr als das und traf den Nerv des Zeitgeists: Der ZIP verkaufte sich laut Das Magazin vom Tages-Anzeiger (1996) ganz ohne Werbung bis zu 30-mal pro Woche, die Schuhfabriken stürzten sich darauf. Bis 1987 ihre Produktionsfirma aufgekauft wurde und sie fallen liess.

Da ihr Leben so oder so im Wandel war, ging sie als 29-Jährige auf Reisen nach Südostasien. Lernte ihren Vater in Hong Kong kennen und liess sich für ein paar Jahre in Nordthailand nieder. Zurück kam sie mit ihrem Sohn, der Idee für die ikonischen türkisfarbenen Schachteln und der Lust, wieder anzufangen. 1994 eröffnete sie ihr erstes Geschäft in einem winzigen Ladenlokal an der Kruggasse. «Ich bekam meine Füsse auf den Boden zurück – und es lief gut.»

Ins Museum für Gestaltung Zürich kamen die Schuhe von Stefi Talman Anfang der 00er-Jahre über den damaligen Kurator Norbert Wild. Er habe sie bei der Vernissage der Designausstellung Criss + Cross von Hochparterre angesprochen: «Alle Designer:innen mussten etwas sagen, und da ich gerade voll im Zügelstress war, habe ich entschlossen, mich sehr kurz zu halten und meine Schuhe für sich sprechen zu lassen. Da alle schon müde vom vielen Gerede waren, habe ich tosenden Applaus bekommen», schmunzelt sie. Wild gab ihr ein Budget, mit dem sie 16 Paar für die Sammlung zusammenstellen konnte. Natürlich der Originalentwurf von ZIP, aber auch andere, spezielle Designs. Darunter auch ein Schuh mit gekreuzten Riemen aus Fell, der an 80er-Jahre-Goth orientiert, Schuhe aus Netz und natürlich der Hühnerlederschuh.

Zu den 16 Schuhmodellen sind über die Jahre nochmals über hundert Paare aus mehr als vierzig Schaffensjahren aufgenommen worden. Erst kürzlich war Michelle Hunziker in der Sammlung zu Besuch und hat die Schuhe bewundert. Stefi Talman freut sich: «Ich finde sie super. Eine souveräne, clevere Businessfrau, muss ich sagen. Nur, als sie noch mit Eros Ramazotti zusammen war, dachte ich kurz ‘ui’.» Allgemein fühle sie sich geehrt, wenn Celebrities ihre Schuhe tragen oder erwähnen. Erst Anfang dieses Jahres hat die mittlerweile verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh der Biennale Venedig 2026 der Financial Times erzählt, dass in ihrer Schuhsammlung neben Prada und Marni auch Stefi-Talman-Schuhe sind. «Sie muss zu mir in den Laden gekommen sein. Leider habe ich sie nicht persönlich getroffen.», sagt sie und setzt sich auf das graue Sofa. Sie verkauft zwar Taschen, Portemonnaies und Handschuhe online, nicht aber ihre Schuhe: «Das ist viel zu mühsam. Schuhe müssen am Fuss anprobiert werden! Nicht nur wegen der Grösse, sondern auch, ob die Form passt, die Farbe, das Gefühl.»
Stefi Talman freut sich immer, wenn sie einen ihrer Schuhe an einem Event oder auf der Strasse in Bewegung entdeckt:
«Ich schaue immer zuerst auf die Schuhe, und denke mir ‘ah, die kenne ich’, dann erst ins Gesicht. Meist sage ich aber nicht, dass ich es bin, die die Schuhe gemacht hat.»
Ausser manchmal. Zum Beispiel, als sie nach der Vernissage von Eine Frau ist eine Frau ist eine... im Aargauer Kunsthaus eine Frau in ihren Schuhen nochmals in Zürich an der Tramhaltestelle angetroffen hat. Die Begegnung führte dann über Ecken zu einem Nachtessen mit der Literaturhistorikerin und Kuratorin Elisabeth Bronfen – die selbst eine beachtliche Sammlung an Stefi-Talmann-Schuhen besitzt. Stefi Talman schaut auf die Uhr: Ob wir nicht zum Mittagessen bleiben wollen.
