Histoire

«Meine Liebe zum Textil ist fast schon genetisch»

Jacqueline Hofer, Mitarbeiterin Kommunikation im Museum für Gestaltung Zürich
25 mars, 2025
Frau in rotem Top in Galerie mit Textilkunstwerken.

Die Ausstellung Textile Manifeste im Museum für Gestaltung Zürich spannt den Bogen von Bauhaus bis Soft Sculpture. Im Gespräch verrät die Kuratorin Sabine Flaschberger die Ideen hinter den Manifesten und lädt ein, die faszinierende Entwicklung der Textilkunst zu entdecken.   

 

Die derzeit laufende Ausstellung in der grossen Halle des Museum für Gestaltung Zürich trägt den Titel Textile Manifeste – Von Bauhaus bis Soft Sculpture. Was verstehst du unter einem «Textilen Manifest»?

Der Titel unserer Ausstellung nimmt mit dem Begriff «Manifest» ein grosses und vielgenutztes Wort in den Mund. Ein Manifest hält in der Regel ein Programm fest, das alles Vorausgehende verwirft oder eine ethische Richtschnur vorgibt, denken wir etwa an Manifeste der künstlerischen Avantgarde wie das «dadaistische Manifest» von 1916. Die Aussagen der textilen Werke in unserer Ausstellung sind weniger offensichtlich und nicht explizit formuliert. Sie wollen vom Publikum erkundet werden. In Ulrike Kessls «Nylons in Space» werden zum Beispiel Strumpfhosen zu Netzen verbunden und tasten sich frei im Raum voran. Sie arbeitet nach dem manifesten Leitsatz: «Ich versuche, durch skulpturale Prozesse eine veränderte Sichtweise auf die alltägliche Umgebung zu erzeugen und Fragen zu stellen.» Sie lädt uns also ein, durch ihre Arbeit die bestehende Architektur neu zu sehen. Wir haben zu den rund 60 Künstler:innen in der Ausstellung solche Leitgedanken gesucht, die ihre Werke begleiten und die Betrachtenden zu einer intensiven Auseinandersetzung einladen. Die Worte verweben sich mit den Exponaten und den kurzen biografischen Angaben zu lebendigen Manifesten und sprechen uns an, wenn wir uns auf sie einlassen.

 

Jedes Werk repräsentiert folglich eine bestimmte Haltung. Nach welchen Prinzipien hast du die Arbeiten geordnet und wie wurde die Ausstellung konzipiert?  

Als Kuratorin der Kunstgewerbesammlung ist es meine Aufgabe, aus dem Sammlungsbestand Ausstellungen zu gestalten, die spezifische Themen hervorheben. Die Mittelachse der Ausstellung lädt zu einer chronologischen Reise durch die Geschichte der Textilkunst ein, vom Bauhaus bis heute. Hierbei spielen historische Kontexte eine zentrale Rolle. Die individuellen Lebensgeschichten und künstlerischen Ausrichtungen der Gestalter:innen prägen die Ausstellung. Die Kapitel in den Seitengängen sind nach Querverbindungen geordnet. So folgt etwa der Bereich Social Fabric dem künstlerischen Blick auf textile Bildträger im sozialen Geflecht und als Vermittler gesellschaftlicher Appelle, während Stay Fluid mit Künstler:innen wie Marie Schumann und Constanza Camila Kramer Garfias die formalen Normen hinterfragen. Im Bereich Schwarmweben wird die kollektive Webkunst der ehemaligen Textilklasse der ZHdK zum Manifest.  

 

Farbenfrohe Textilinstallation in moderner Galerie.
Ausstellung Textile Manifeste – von Bauhaus bis Soft Sculpture, 14.2.-12.7.2025, Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse, Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta, Museum für Gestaltung Zürich/ZHdK

Es stammen demnach viele Objekte aus der Sammlung des Museums.  
Spielen Textilien eine grosse Rolle in der Kunstgewerbesammlung?  

Das Museum für Gestaltung Zürich hat eine lange Tradition im Bereich der textilen Künste. Die Textilklassen an der Vorläuferinstitution der ZHdK haben massgeblich dazu beigetragen, dass die Sammlung des Museums heute sehr reich an textilen Objekten ist. Die Textilkunst – das künstlerische Schaffen über den Gebrauch hinaus – spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Seit den 1960er Jahren hat diese Kunstform international an Bedeutung gewonnen. Das Museum begann direkt aus wichtigen Ausstellungen, wie den Textilbiennalen in Lausanne oder auch aus museumseigenen Ausstellungen, Werke zu erwerben, wie etwa Arbeiten von Sheila Hicks aus der massgeblichen Ausstellung Gewebte Formen von 1964. 

 

Man spürt, dass deine Leidenschaft für Textiles sehr gross ist. Woher kommt das?  

Die Liebe zum Textil hat sich über meine Grossmutter und meine Mutter auf mich übertragen. Als Kind war ich fasziniert von den handbestickten Kissen und den fein gestrickten Decken in ihren Haushalten. Sie begeisterten mich durch ihre Schönheit und die Geschichten, die sie erzählten. Ich bewunderte, wie Stoffe und Fäden unter den Händen meiner Mutter ihre Form wechseln konnten und der Wunsch zur Nachahmung war rasch geweckt. Eine eigene Nähmaschine entfachte meine Schaffenslust, wie auch Ausstellungen – etwa im Museum Bellerive – deren textile Welten das Handwerk zelebrierten. Letztlich würde ich meine Liebe zum Textil doch fast schon als genetisch bezeichnen.  

 

Dann ist die Ausstellung Textile Manifeste eine echte Herzensangelegenheit für dich. Welches Objekt erzählt deiner Meinung nach eine besonders spannende Geschichte?  

Die Dreiergruppe beim Eingang der Ausstellung gefällt mir besonders gut. In den textilen Porträts stellen verschiedene Künstlerinnen in unterschiedlichen Techniken und Ansätzen je eine Person dar: «Wandbehang 2» von Doris Stauffer-Klötzer aus dem Jahr 1957 zeigt eine Frauenfigur, die aus geometrischen Formen besteht und die Idee eines «Stehaufchens» symbolisiert – einer Person, die sich trotz Widrigkeiten immer wieder aufrichtet, sehr direkt in der Ausführung, was das Manifesthafte unterstreicht. Das Werk spiegelt den kämpferischen Charakter der Künstlerin wider. Rund zehn Jahre später schuf die polnische Grafikdesignerin und Künstlerin Teresa Byszewska mit «Dame Rouge» das Bild einer Frau, die eine ambivalente Mischung aus Lebensfreude und Leiden ausdrückt. Die verwendeten Stoffe haben bereits selbst eine Geschichte, was dem Werk eine besondere Tiefe verleiht. Ich finde dieses Porträt wirklich reizend und beobachte gerne, wie unsere Besucher:innen es genaustens betrachten. Lissy Funks abstraktes Porträt ihres Ehemanns trägt dessen Kurznamen «Dölf». In aufwendigen Sticktechniken und kräftigen Farben manifestiert es die emotionale Verbundenheit des Paares. Jedes dieser Werke bringt auf einzigartige Weise das Leben und die Persönlichkeit der abgebildeten Menschen zum Ausdruck, was mich besonders berührt.

 

Textilienkunstwerke an lila Wand im Museum ausgestellt.
Textile Porträts: Dame Rouge, 1967, Teresa Byszewska; Wandbehang 2, Doris Stauffer-Kloetzer, 1957; Dölf, 1998, Lissy Funk, Foto: Jacqueline Hofer

Deine Begeisterung für die Werke ist deutlich spürbar. Was gefällt dir an deiner Arbeit als Kuratorin am meisten?  

Das Eintauchen in immer neue thematische Welten und das Entdecken von Facetten, die sich mit jeder Vertiefung zeigen, fasziniert mich. Besonders spannend finde ich es, Objekte im Zeitkontext zu studieren, sie neu zu kontextualisieren und ihre Veränderung über die Jahre zu erfassen. Auch der Kontakt zu den beteiligten Künstler:innen oder deren Nachfahr:innen ist eine grosse Bereicherung. Es begeistert mich, über Jahre hinweg einzelne Positionen zu verfolgen und manchmal Werke für die Sammlung zu gewinnen. Natürlich ist es mir auch eine grosse Freude, den Besucher:innen die Werke zugänglich zu machen und sie dazu einzuladen, diese zu entdecken. Die Werke, die normalerweise sicher in unseren Depots verwahrt sind, um ihre Schönheit zu bewahren, werden ans Licht geholt. Ihre optische Wirkung zeigt sich erst bei der physischen Montage. Nun können sie als Exponate miteinander in Dialog treten. Der Aufbau einer Ausstellung ist jedes Mal eine magische Phase.



Die Ausstellung Textile Manifeste – Von Bauhaus bis Soft Sculpture läuft bis am 13. Juli 2025 im Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse 60.